Wie i(s)t Schule? Und was wünschen sich die Eltern?

Meine Rede als Vorsitzender des Landeselternrats Baden-Württemberg (LER) bei der Veranstaltung „So is(s)t Schule“ von MdB Ulrike Höfken im Wahlkreis von MdB Kerstin Andreae am 18.November in Freiburg in der Hebel-Schule (mit Bildern der beiden)

So is(s)t Schule – Veranstaltungsplakat

Schule+Essen=Note 1“ so das Motto der IN FORM Kampagne des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Das ist nicht die Einschätzung der Schüler, die vergeben nur die Note 3, was befriedigend heisst. Aus Sicht der Eltern ist die Situation der Verpflegung, muss ich sagen, nicht befriedigend. Oft ausreichend, manchmal mangelhaft.

Ich möchte mich kurz vorstellen: Mein Name ist Wolfgang G. Wettach, ich komme aus Tübingen und bin Vorsitzender des Landeselternrats Baden-Württemberg, des LER, neben meinen Kollegen aus Karlsruhe und Ulm.

Der LER ist die landesweite Vertretung der Gesamtelternbeiräte der Kinderbetreuungseinrichtungen. Wir sind also zuständig für Kindertagesstätten, Schülerhorte und im Rahmen der immer weiteren Zusammenlegung von Schülerhorten vor allem mit Primarschulen auch für die Ganztagsbetreuungsangebote aller Schulen: Wo Erzieherinnen ins Spiel kommen, grob gesagt, sind wir landesweit die Elternvertretung, an Schulen betrifft das neben Früh- und Spätbetreuung auch das Mittagsband.

Wir Eltern haben eigentlich ganz einfache Wünsche was das Schulessen angeht: Es soll gesund sein, abwechslungsreich, bezahlbar für die Eltern und lecker genug dass unsere Kinder das Angebot auch tatsächlich annehmen und essen.

Im Detail und in der Umsetzung werden die einzelnen Punkte jedoch schwierig, wie auch die anderen Beitragenden heute darstellen und dargestellt haben.

MdB Kerstin Andreae spricht das Grußwort und begrüsst mich und die anderen RednerInnen
MdB Kerstin Andreae spricht das Grußwort und begrüsst mich und die anderen RednerInnen

1) GESUND
und Abwechslungsreich: Unter gesund stellen wir uns, neben den „Qualitätsstandards für die Schulverpflegung“ der DGE, die ein guter Anfang wären, in der überwälltigenden Mehrheit auch eine gentechnikfreie Ernährung vor. Die Gewissheit, dass es keine gentechnisch veränderten Organismen in der Nahrung und ihren Herstellungsprozessen gibt, haben wir aber nur bei Bio-Kost. Nicht dass gegen die etwas einzuwenden wäre, im Gegenteil – aber die Schwierigkeit besteht dann aus kommunaler Sicht darin, eine gleichbleibende Bio-Qualität auf Dauer aus Fairnessgründen in genügender Menge, das heisst idealerweise für alle Schulen, Kindertagesstätten und Schülerhorte einer Stadt, zu bekommen. Der ideale Anbieter, der abwechslungsreiche Bio-Kost aus der Region anbietet, ist oft nicht in der Lage alle Schulen zu bedienen. Kleinere Anbieter können oft auch nicht, wie von den Kommunen gewünscht, die Arbeit der Abrechnung mit den Eltern übernehmen. Und schliesslich machen Eltern und Schulträger die Erfahrung, dass ein neuer Schulessens-Anbieter in der Probephase über sich hinaus wächst, im Lauf der Routine aber Menge, Abwechslung und Geschmack wieder auf eine bestenfalls befriedigende Leistung absinken.

Die Qualitätsstandards sind nicht verpflichtend und in der Fläche noch gar nicht angekommen. Selbst wenn eine Schule das übernehmen wollen würde, stünde es ja immernoch unter dem Finanzierungsvorbehalt. Wir wissen ja, dass in einer Berliner Stichprobe von 431 Schulspeiseplänen kein einziger die Qualitätsrichtlinien ganz erfüllt hat. Wir wissen aber doch dass eine gute Ernährung auch dafür nötig ist, dass die Leistungen und die Form der SchülerInnen nicht absinken.

2) BEZAHLBAR

MdB Ulrike Hoefken, Sprecherin für Ernährung und Landwirtschaft, moderiert den Abend
MdB Ulrike Hoefken, Sprecherin für Ernährung und Landwirtschaft, moderiert den Abend

ist ein weiterer Punkt. Natürlich sind viele Eltern bereit, 50 oder 75 cent am Tag mehr dafür auszugeben, dass das Schulessen ihrer Kinder eine bessere Qualität hat, gutsituierte (und damit Eltern an Schulen in manchen Wohnvierteln) auch mehr als das. Aber der Landeselternrat fordert auch, dass die Schulverpflegung so angeboten wird, dass alle Eltern und damit alle Kinder sich die Teilnahme am Schulessen leisten können. Die evangelische Landeskirche hat in ihrem letztjährigen Synodalbericht unter dem Motto „Unser tägliches Brot gib uns heute“ darauf hingewiesen: 450.000 Menschen leben in unsrem Bundeslaand in Bedarfsgemeinschaften von Hartz IV, fast 400.000 Haushalte im Land sind nach Auskunft der SCHUFA kritisch überschuldet.
Vor diesem Hintergrund betrachten wir mit Sorge, dass im Rahmen der Sparhaushalte die kommunalen Zuschüsse zur Schulverpflegung gekürzt oder ganz gestrichen werden. Es darf nicht sein, dass Kinder aus Kostengründen aus der Schulverpflegung rausfallen und wohlmöglich nichtessend daneben sitzen. Auch das ist ein Thema dem sich die Politik widmen muss – und wenn Schulen, Schülerhorte und KITAS, trotz „Schuleplusessen“ und „Fit Kid“ zu unterfinanziert sind, muss die Landespolitik – und die Bundespolitik im Rahmen ihrer Möglichkeiten, verbindliche Standards statt nur Modellprojekte zu fördern – unterstützend eingreifen.

3) AKZEPTIERBAR:
Unserer Erfahrung nach spielt eine wesentliche Rolle in der Akzeptanz gesunden Essens dürch die Schülerinnen und Schüler die Ernährungsbildung. Am besten ist es natürlich, wenn in Projekttagen oder Ganztagsschulangeboten immer wieder die Möglichkeit besteht, eigene Beiträge zur Schulverpflegung, etwa ein frisches Gemüse oder einen Salat am Tag, selbst herzustellen.
Die Schwierigkeiten kennen Sie vermutlich alle wenn sie an Schulen unterwegs sind: Räume die hygienische Standards zur Essenszubereitung erfüllen sind in den Schulen Mangelware – und das Geld für dafür nötige Umbauten natürlich auch. Wir fordern, dass bei allen Neubauten und bei größeren Renovierungen dieser Bereich mitgedacht wird, um echte Ganztagsangebote mit einem Eigenanteil zur gesunden Ernährung, über die Verteilung der Zeitschrift „Mampf“ hinaus, zu ermöglichen.

Es ist anderswo mehr möglich als hier – in Frankreich sind die Qualitätsstandards für das Schulessen verbindlich, in Italien muss es zu 40% aus Bioprodukten bestehen, in Finnland ist qualitätsgeprüftes Schulessen sogar kostenlos. Es gibt also, um im europäischen Vergleich zu überzeugen, für das an sich reiche Baden-Württemberg noch viel zu tun!

Wir Eltern sind für eine neue ESS-Klasse in unseren Schulen – damit Bildung allen schmeckt!



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